Stitching through society


Seit geraumer Zeit wird Mode als Kunstform diskutiert. Der künstlerische Aspekt in Modeschauen, Modekreationen und Modefotografie wird hervorgehoben und Kooperationen zwischen Mode und Kunst treten immer häufiger auf. In der Kunst finden sich vermehrt Bezüge zur Mode. Viele AkteurInnen operieren sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite und nehmen somit auch ihre Erfahrungen und Fähigkeiten aus der einen Sparte mit in die andere. Es erscheint zunehmend schwer eine Trennlinie zwischen Mode und Kunst zu ziehen.
Die beiden Gattungen haben sich gegenseitig viel zu geben und es gilt zu untersuchen, aus welchem Grund und auf welche Art Wechselbeziehungen entstehen.

Mode galt über lange Zeit als weiblich, frivol, nicht intellektuell und -letztendlich- für die Hochkultur unbedeutend. Die Annäherung an das künstlerische Feld kann den strategischen Versuch darstellen, vom symbolischen Wert und von der gesellschaftlichen Anerkennung der Kunst als intellektueller Tätigkeit zu profitieren.

Mode ist im Grunde das ideale Material für Kunst. Kleidung ist per se gesellschaftlich kodiert, schafft und verdeutlicht Individualität, Zugehörigkeit, Differenzen, gesellschaftliche und geschlechtliche Rollen. Darin besitzt die (ach so oberflächliche Mode) auch sehr viel symbolische Kraft. (Einem hohen Angestellten einer Firma würde es eher „verziehen“ werden, wenn er auf seinem Schreibtisch ein unangepasstes Kunstwerk stehen hätte als wenn er im Kleid in die Arbeit käme.)
Seit der Moderne haben Kunstformen mit kognitiven Zugang mehr an Bedeutung gewonnen, verstärkt bei der Konzeptkunst. In der Postmoderne wurden arbeiten mit Ironie und Affekten wieder stärker.   So kann die Annäherung von Kunst an Mode den Wunsch bedeuten, emotionalen Bedürfnissen nachzugehen. In einem neoliberalen System können aber KunstproduzentInnen auch mit einem bestimmten Neid auf Mode und deren Vermarktungsstrategien schielen und in der Annäherung, Möglichkeiten zu einer „effizienteren“ und Lifestyle orientierten Vermarktung suchen.

Mischformen, die zwischen Mode und Kunst stehen, bleiben oft undefinierbar und in dieser Qualität, die sich jeder Erklärung entzieht, bergen sie auch einen stark revolutionären Aspekt. Sie eröffnet die Möglichkeit, neu über bestehendes und dessen Grundlagen nachzudenken. So findet man in Mischformen zwischen den beiden Gattungen oft kritische Aspekte. Deren Sprengkraft ermöglicht es den Begrenzungen des eigenen Genres auszubrechen. An die DIY Bewegung (do it yourself), die die Ästhetik des Hand- und Selbstgemachten propagiert, knüpft sich zum Beispiel die Aufwertung vormals als weiblich apostrophierter Praktiken, industrielle Produktionsbedingungen und gesellschaftliche Konsumzwänge werden hinterfragt.

Will man dieses komplexe Feld genauer analysieren, fällt es schwer praktikable Kategorien zu erstellen. Die Frage drängt sich auf, ob es nicht klüger wäre, jenseits dieser Kategorien zu denken. Im Bereich aktivistischer oder subversiver Praktiken an der Schnittstelle zwischen Mode und Kunst zeichnen sich zwei grundsätzliche Ansatzpunkte ab. Die Herangehensweise ankert einerseits im Begriff des Konsums, zitiert Mode als ästhetisches aber auch gesellschaftliches Phänomen. Andererseits werden Produktionsbedingungen hinterfragt. Bei der einen oder der anderen Herangehensweise bleiben Konzepte der Geschlechterkodierung von zentraler Bedeutung. Weitere Einflüsse kommen aus der oben erwähnten DIY Bewegung, der Commons Bewegung und der Opensource Bewegung. 


Serpica Naro
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