Postdramatic Politics

Der Theatertheoretiker Hans-Thies Lehmann brachte 1999 ein vieldiskutiertes Buch mit dem Titel „Postdramatisches Theater“ heraus. Seitdem hat sich dieser Begriff für ein Theater etabliert, das die Grenzen zwischen Disziplinen, ProduzentInnen und KonsumentInnen überwindet. Lehmann stellte internationale Entwicklungen seit den 60ger Jahren dar und beschrieb die Bemühungen einer Theaterlandschaft, die auf die traditionelle Einheit von dramatischem Text und Inszenierung verzichtet und neue Paradigmen in der Theaterkunst zu realisieren begann.

Diese innovativen Formen der neuen Theaterkunst, die sich seit Erscheinen dieses Buches rasant weiterentwickelt haben, sind eng verknüpft mit Begriffen, die in der Bildenden Kunst verortet werden, wie der Performance, dem Happening oder der Aktion. Vor allem der Begriff der „Liveness“, die Betonung des Gegenwärtigen in der Theaterkunst charakterisieren den performativen Aspekt des postdramatischen Theaters und die Erweiterung des Ausgangsmaterials weg von der Verbalsprache zu anderen kompositorischen Elementen wie Klang, Licht, Bewegung, Zeit und Raum. Bei einem zentralen Merkmal dieses Theaters, das sich nicht mehr am „bürgerlichen Drama“ orientiert und dessen Begriff der bildenden Kunst entlehnt ist, handelt es sich um die Montage: Die Konstruktion der „Geschichte“ mittels eben dieser diversen kompositorischen Elemente und Textfragmenten, die entweder selbst geschrieben oder improvisiert werden, die klassische oder moderne Autoren zitieren oder aus anderen Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsendungen, Filmen, Internetseiten, ect. entnommen werden. Mit hineinmontiert werden aber auch fast immer die sogenannten neuen Medien: das Wechselspiel und die Koppelung zwischen z.B. Video, Livedarstellung und Blogs oder Streamings im world wide web ist immanent.

Theater ist schon immer eine Kunstform gewesen, die vom Moment, der Unmittelbarkeit der Darstellung und dem Gegenüber, der körperlichen Präsenz des Zuschauers gelebt hat, doch mit den neuen Methoden des postdramatischen Theaters haben sich diese Parameter eindeutig verschärft. Auf der Suche nach vielen möglichen Stimmen und unterschiedlichen Wahrheiten, durch das Sprengen der linearen Form und durch die Öffnung des Raumes ist die Emergenz, die Unvorhersehbarkeit des theatralen Ereignisses zum wesentlichen Kriterium dieser neuen Theaterform geworden.

Ich möchte hier Gruppen präsentieren, die im postdramatischen Theaterkontext zu verorten sind und spezielle Charakteristika aufweisen: Formationen die aktuelle politisches Geschehen reflektieren. Sie holen sich ihre Themen direkt von der Straße, besuchen Menschen, die mit speziellen Problemen kämpfen in ihren Umgebungen und werden so ein Sprachrohr für BürgerInnen, Involvierte, Betroffene, Unterdrückte, Marginalisierte, Verfolgte, ect. Deren Anliegen werden analysiert, transformiert und in den "elitären" Kunst- und Theaterbetrieb getragen. Oder aber sie gehen mit ihrer Kunst direkt hinaus in diese oftmals kunstfernen Welten und agieren mit den beteiligten BürgerInnen, die dann Teil von Performances werden. Die Ergebnisse dieser Interaktion fließen dann oft wieder (z.B als mediale Installationen) in das künstlerische performative Schaffen im Theaterraum, der Show, ect. ein.

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Lola Arias & Compania Postnuclear